Wenn KI nicht mehr suchen muss, sondern nachschlagen kann
KI-Modelle werden von Generation zu Generation leistungsfähiger. Über die Qualität ihrer Ergebnisse entscheidet im Unternehmenseinsatz trotzdem selten das Modell allein, sondern der Kontext, den es erhält: Was bedeutet die Kennzahl „aktiver Kunde“ bei uns? Welche Tabelle ist die verbindliche Quelle? Wer ist verantwortlich, wenn ein Prozess nicht funktioniert?
Die Antworten existieren in den meisten Unternehmen – verteilt auf Wikis, Laufwerke, Datenkataloge, Ticketsysteme und die Köpfe erfahrener Kolleginnen und Kollegen. Jedes neue KI-Projekt beginnt deshalb damit, denselben Kontext erneut zusammenzusuchen und aufzubereiten. Das eigentliche Problem ist häufig nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Kontext-Infrastruktur.
Genau hier setzt das Open Knowledge Format (OKF) an, das Google Cloud am 12. Juni 2026 als offene, herstellerneutrale Spezifikation vorgestellt hat – aktuell in Version 0.1 und ausdrücklich als Ausgangspunkt gedacht. [1] Die Idee: Unternehmenswissen wird so beschrieben, dass es an keine Plattform, keine Datenbank und kein bestimmtes KI-Modell gebunden ist. Modelle können wechseln. Das Wissen, auf das sie zugreifen, bleibt.
Zur Einordnung: So funktioniert klassisches RAG
Wer heute einen KI-Assistenten mit eigenen Informationen versorgt, setzt meist auf Retrieval-Augmented Generation (RAG): Dokumente werden in Abschnitte zerlegt und indexiert; zu jeder Frage ermittelt das System die relevantesten Textstellen und übergibt sie dem Sprachmodell als Kontext. [3] Der große Vorteil ist der schnelle Einstieg – die Dokumente bleiben, wie sie sind. Gerade für umfangreiche, unstrukturierte Bestände ist RAG deshalb zu Recht etabliert.
Zugleich entscheidet die Qualität der Suche, was das Modell überhaupt zu sehen bekommt. Gefundene Textstellen kommen ohne Zusammenhang; bei widersprüchlichen Dokumenten bleibt offen, welche Definition verbindlich ist; und verfehlt das Retrieval die passende Quelle, entstehen sprachlich überzeugende, aber fachlich falsche Antworten. Zugespitzt: RAG findet Belege. Welche Aussage im Unternehmen gilt, entscheidet es nicht – das ist eine Frage von Governance, nicht von semantischer Ähnlichkeit.
Was das Open Knowledge Format anders macht
OKF beginnt nicht bei der Suche, sondern bei der Repräsentation des Wissens. Ein OKF-„Bundle“ ist ein Verzeichnis einfacher Markdown-Dateien. Jede Datei beschreibt genau ein Konzept – eine Tabelle, eine Kennzahl, eine Schnittstelle, einen Prozess. Am Anfang steht ein kleiner strukturierter Kopfbereich im YAML-Format, in dem nur das Feld type verpflichtend ist; darunter folgt normaler Text mit Definitionen, Schemata und Zuständigkeiten. Gewöhnliche Markdown-Links verbinden die Konzepte zu einem Wissensnetz, eine Index-Datei dient als Einstiegspunkt. [1]
Für einen KI-Agenten ähnelt das einem gut gepflegten Betriebshandbuch: Er rekonstruiert nicht bei jeder Frage neu, was ein Begriff wahrscheinlich bedeutet, sondern öffnet eine geprüfte Konzeptseite und folgt ihren Verweisen. Ganz ohne Suche kommt auch er nicht aus – aber er sucht in konsolidiertem Wissen statt in Rohdokumenten.
Drei Eigenschaften machen den Ansatz interessant: Dieselbe Datei ist für Menschen lesbar und für Agenten verarbeitbar – ohne Übersetzungsschicht. Wissen lässt sich wie Code verwalten, mit Versionierung und nachvollziehbaren Reviews statt stiller Wiki-Edits. Und OKF ist Format statt Plattform: kein Konto, kein SDK, keine Bindung an Anbieter oder Werkzeuge. [1]
RAG oder OKF? Beides.
Der Kernunterschied liegt im Ausgangsmaterial. RAG erschließt vorhandene Rohdokumente und leitet Wissen bei jeder Anfrage neu ab – mit geringem Startaufwand, aber abhängig von Dokumenten- und Suchqualität. OKF hält kuratierte Konzeptseiten bereit – konsistent und wiederverwendbar; dafür muss das Wissen einmal explizit gemacht und dauerhaft gepflegt werden, sonst wird es zum dokumentierten Irrtum. Und während RAG mit breitem Tooling etabliert ist, steht OKF als junge Spezifikation noch am Anfang.
RAG liefert Reichweite. OKF liefert Orientierung.
In der Praxis ergänzen sich beide: OKF für das Kernwissen, bei dem Konsistenz zählt – Kennzahlendefinitionen, Datenmodelle, Schnittstellen, zentrale Prozesse. RAG für die Masse an Dokumenten, die niemand kuratieren wird – Verträge, Protokolle, Berichte, E-Mails. Ein gepflegtes Bundle ist zudem selbst hervorragendes Ausgangsmaterial für ein RAG-System.
Interessant ist auch der Impuls hinter OKF: das von Andrej Karpathy beschriebene „LLM Wiki“-Muster, bei dem ein Sprachmodell eine dauerhafte, verlinkte Wissensbasis pflegt – neue Quellen einarbeitet, Querverweise ergänzt, Widersprüche sichtbar macht. [2] Agenten können so einen Großteil der Pflegearbeit übernehmen. Welche Definition gilt und welche Änderung freigegeben wird, bleibt jedoch eine Governance-Aufgabe: OKF garantiert weder die Richtigkeit einer Aussage, noch regelt es Berechtigungen oder Infrastruktur.
Worauf es beim Einstieg ankommt
Ein Format allein schafft noch keinen verlässlichen Wissensbestand. Bewährt hat sich ein pragmatischer Start: mit einem klar abgegrenzten Bereich beginnen, etwa den zwanzig wichtigsten Kennzahlen eines Fachbereichs; je Konzept klären, welche Quelle maßgeblich ist und wer fachlich verantwortet; automatisch erzeugen, wo es sinnvoll ist, und von Fachleuten prüfen lassen; Reviews von Anfang an einplanen. Vor allem aber ist die Pflege eine Daueraufgabe, kein Projekt mit Enddatum.
Wissen einmal strukturieren, überall nutzen
Die eigentliche Chance liegt nicht darin, dass KI-Modelle grundsätzlich intelligenter werden – sondern darin, dass Unternehmen ihren Kontext nicht für jede neue Anwendung erneut aufbereiten müssen. Liegen zentrale Definitionen und Zusammenhänge einmal portabel und maschinenlesbar vor, profitieren alle Anwendungen davon: der Assistent im Fachbereich, der Agent in der Datenanalyse, das nächste Automatisierungsvorhaben. Das Wissen wird vom projektspezifischen Hilfsmittel zu einem Teil der Infrastruktur.
Oder ganz kurz: RAG durchsucht die Quellen. OKF pflegt das Handbuch.
Du möchtest herausfinden, ob das Open Knowledge Format ein sinnvoller Baustein für Eure KI-Vorhaben ist – oder wie sich OKF und RAG in Eurer Umgebung kombinieren lassen? Sprich uns gerne an, Du erreichst mich unter alessandro.cibin@evaco.de. Wir unterstützen Euch bei der Einordnung, beim Aufbau eines ersten Wissens-Bundles und bei der Integration in bestehende KI-Anwendungen.
Quellen
[1] Google Cloud: „Introducing the Open Knowledge Format“, 12. Juni 2026 – https://cloud.google.com/blog/products/data-analytics/how-the-open-knowledge-format-can-improve-data-sharing · Spezifikation: https://github.com/GoogleCloudPlatform/knowledge-catalog/tree/main/okf
[2] Andrej Karpathy: „LLM Wiki“, 4. April 2026 – https://gist.github.com/karpathy/442a6bf555914893e9891c11519de94f
[3] Patrick Lewis et al.: „Retrieval-Augmented Generation for Knowledge-Intensive NLP Tasks“, NeurIPS 2020 – https://arxiv.org/abs/2005.11401